Jubiläumsausstellung im Herender Porzellanmuseum
- 03. Mai 2001. - 28. September 2001.
Vince Stingl gründete 1826 die Keramikwerkstatt in Herend mit der Absicht, auch in dem damals industriell noch unterentwickelten Ungarn den Grundstein für den Beginn der Porzellanherstellung zu legen. Zahlreiche Experimente waren notwendig, um Schritt für Schritt die Technologie zur Fertigung von Porzellan ausgezeichneter Qualität in der eigenen Werkstatt umsetzen zu können. Der Mangel an finanziellen Mitteln und das Fehlen der Voraussetzungen der Porzellanherstellung liessen Stingls Unternehmung scheitern, doch die von ihm gegründete Werkstatt blieb bestehen und dem neuen Eigentümer Mór Fischer gelang es schliesslich, Stingls Ziele zu verwirklichen. In der Reformzeit - mehr als hundert Jahre nach der Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur - war das Porzellan nicht nur ein Luxusartikel der Aristokratie und des Grossbürgertums, sondern gehörte bereits zum täglichen Leben des Kleinbürgertums. Fischer musste also entscheiden, welche Bürgerschicht er mit seinen Produkten erreichen wollte. Als gewandter Geschäftsmann wählte er die Herstellung anspruchsvoller, mit grosser Sorgfalt gefertigter Stücke von hohem künstlerischen Niveau, mit denen er langfristig das Fundament für das erfolgreiche Wirken der Manufaktur legte.
Die damalige Entscheidung Fischers war von ausschlaggebender Kraft, die uns - unabhängig von einzelnen Perioden in der Geschichte der Manufaktur, in denen die Eigentümer von dem von Fischer vorbezeichneten Weg abkamen - noch heute in unserem Wirken beeinflusst: damals wie heute entstehen in Herend Luxusporzellane für eine Käuferschicht, die das Schöne liebt und die Handarbeit schätzt und die einen ausgeprägten Sinn für die anspruchsvolle Tafelkultur entwickelt hat.
In unserer Ausstellung zeigen wir Porzellangegenstände aus der Vergangenheit und der Gegenwart; Stücke, die an die verschiedenen geschichtlichen Epochen der Manufaktur erinnern und aneinander gereiht dem Betrachter verdeutlichen, wie über Generationen hinweg kunsthandwerkliche und industriegeschichtliche Traditionen gepflegt werden und nach höchster Vollkommenheit und ständiger Weiterentwicklung gestrebt wird.
Exklusive und besondere Kunstgegenstände auf der Jubiläumsausstellung unseres Museums
Auf den Weltausstellungen der sechziger und siebziger Jahre des 19.Jahrhunderts waren alle Porzellanmanufakturen danach bestrebt, dem Publikum solche Gegenstände zu präsentieren, deren Anfertigung eine technische Bravurleistung darstellt. Auch für die Herender Manufaktur traf dies zu.
Auf der Londoner Weltausstellung 1862 stellte Mór Fischer den Zierteller "Maria Theresia" vor, der zur damaligen Zeit auf Grund seines enormen Durchmessers von 90 cm als der grösste Gegenstand in Porzellan zu Ruhm gelangte.
Auf der Wiener Weltausstellung 1873 hielt die Herender Manufaktur eine neue Attraktion für das Publikum bereit: eine ca. 1,65 m hohe, aus mehreren Teilen bestehende, doppelwandige, durchbrochene Vase. Jacob von Falke, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Verwalters der keramischen Sammlung des Österreichischen kaiserlich-königlichen Kunstgewerbemuseums, äusserte sich 1873 wie folgt in seiner Kritik zur Wiener Weltausstellung über Mór Fischer: Fischer "findet Gefallen daran, sich selbst technische Probleme zu stellen, diese dann zu lösen, um auf jeder folgenden neuen Ausstellung vor unseren Augen neue Rätsel zu erschliessen und die Kenner des Faches nachdenklich zu stimmen."
Sicherlich spielte auch die positive Kritik bei der Entscheidung Fischers eine Rolle, eine der auf der Wiener Weltausstellung vorgestellten Vasen ähnliche, durchbrochene Deckelvase zu fertigen, die er 1876 dem Vorgänger des heutigen Wiener Museums für Angewandte Kunst, dem Österreichischen kaiserlich-königlichen Kunstgewerbemuseum zum Geschenk machte. Diese Ziervase, die 1876 nach Wien gelangte und seit dem nicht nach Ungarn zurückkehrte, erhielt für die Zeit der Jubiläumsausstellung einen Platz in dem Gebäude, zwischen dessen Mauern einst Mór Fischer seine Manufaktur betrieb .